Wandern

Ein Tag, der sagt‘s dem andern…

..mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit“. Was, wenn ich Tersteegens Methapher über das Leben als Wanderung wörtlich nähme? Noch mehr: sie umdrehen und so Wandern als Leben begreifen würde? Wäre da auch Ewigkeit erfahrbar?  Tag für Tag meine Stiefel schnüren, Tag für Tag den Ort hinter mir lassen, an den ich mich gerade gewöhnt habe, immer wieder neu aufbrechen.

Aufbrechen –

wie das Kücken, das sich durch die Schale pickt, um zu fliegen, wie der Löwenzahn, der durch den Asphalt drängt, um zu blühen.

Wandern als Form der Fortbewegung zu einem Ziel, das nicht Zweck, sondern Mittel ist, ohne Zuhilfenahme von Fahrzeugen wie Fahrrad, Auto, Zug oder Flugzeug, die durch ihre Geschwindigkeit die Tiefenschärfe der Erfahrung verkrümmen, die Unmittelbarkeit der nächsten und nahen Umgebung in Vorbeizerren auflösen, durch einen Vordergrund, eine Hülle aus Kunststoffen und Metallen ersetzen und mir so eine Annäherung mit dem verwehren, was ich so gerne betrachten, schnuppern, riechen, schmecken, horchen, mir vertraut machen möchte…

Berühren –

Die Zunge ist geöffnet. Ein weiches, selbstverständliches, fast selbstständiges Gleiten. Nach der empfangenden Überwindung eines wohligen Widerstandes schmiegen sie sich mit leicht kribbelnder Vorfreude in die umhüllenden Polster. Meine Füße haben ihre Wanderschuhe in Besitz genommen.

Federnd nachgiebige Bodenlebendigkeit, streichelnde Luftwürze, Blätter schwebend wie Dias im Sonnenlicht, das in samtige Waldbräune eine Schneise leuchtgrünen Wiesenvelours über den Pfad rieselt. Spinnweben silbern  im Morgentau. Regentropfen an zarthäutig jungem Buchengrün.

Der Anstieg, Schritt für Schritt,  Atem im Rhythmus des Gehens, zwei Schritte ein, vier Schritte aus; wenn es steiler und schwerer wird: einen ein, einen aus, manchmal das Vorankommen nur zentimeterweise, Wasserschweiß der auf den Brillengläsern lakt, rauschend pochendes Blut im Gewebe, Lebendigsein. Genussvoll spüren, wie die „Muskeln ein Fest feiern“ (Nietzsche).  Denke  ich an den Weg der noch vor mir liegt, wieviel noch zu steigen und zu gehen ist, mag sich eine Ahnung von Mühsal einstellen, wieder zurück im Zustand des Körperempfindens wird alles selbstverständlich und notwendig einfach, werden Ziel und Dauer unwichtig.

Ankunft. Weite, wogende Hügelketten, scheinbar unendlich. Licht, Luft, Duft, Wärme prallen auf mich ein, verschlagen mir fast den Atem. Unfassliche Bewunderung für diese Schöpfung, als deren Teil ich mich dankbar empfinde. Zeitloses Innehalten, in der ich Ewigkeit körperlich zu spüren vermeine, in der ich „das Wehende höre, das aus der Stille sich bildet“ (Rilke).

„Oh Ewigkeit, so schöne, mein Herz an Dich gewöhne…“