10. Tag Mühlhausen – Eisenach

Mühlhausen-Eisenach 52 km
O-5900 Eisenach
JH Erich Honstein L06
Bornstraße 7
2012

Herrliches, frisches Frühsommerwetter. Nach der gestrigen Strapaze sind wir froh gelaunt. Vor dem Hotel stapeln sich die Koffer. Sie werden schnell alle in den Bus geräumt, denn wir wollen ja los. Bei dieser Gelegenheit haben wir auch gleich das Reisegepäck einiger anderer Gäste mit verstaut, die verzweifelt danach suchen. Hildegard hatte es ja richtig vorausgesehen. Also wird der Bus wieder ausgepackt.

Wir haben noch etwas Zeit und ich suche ein paar Gassen weiter eine Apotheke, an der wir gestern abend vorbeigekommen sind: Manfred (B) hat mir für meinen Fuß eine Kytta-Salbe geliehen, die ganz hervorragend geholfen hat. Bei jeder längeren Pause (“Zeit für Fußpflege”) habe ich die Schuhe ausgezogen und die geschwollene Sehne mit der Salbe vorsichtig massiert. Ich bekomme meine Creme, und zusätzlich geschenkt eine Packung Papiertaschentücher; die Apotheker jedenfalls lernen hier schnell.

Auf dem Rückweg entdecke ich noch ein Obstgeschäft und erstehe als eiserne Ration einen Fruchtsaft, ungesüsst.

Wir gehen geradeaus nach Westen, vorbei an einem kleinen See mit Badeanlage, durch ein Naherholungsgebiet.

Die Sonne flirrt durch hellgrüne Blätter. An einer Brücke über einen nahezu wasserlosen Bachlauf machen wir Saftrast. Ganze Schulklassen tummeln sich um einen Grillplatz. Nach links geht ein Trampelpfad den steilen Hang hinauf, rechts eine Forststraße. Wir gehen rechts.

Schließlich müssen wir warten. Trotz Sonnenscheines haben wir die Orientierung verloren.

Also quer durchs Gehölz. Es hat sich wieder bezogen, ein kurzer Schauer. Nach einem langen, recht steilen Waldhang, den wir nach links queren, landen wir wieder auf einer Forststraße. Alles trieft vom Regen, aber die Sonne ist plötzlich wieder da. Wir wissen nicht, wo wir sind; wir wissen nur eins: wir müssen nach Süden.

Also schnurstracks einen Anstieg im Wald hinauf, zunächst noch Pfad, dann weglos aber romantisch über Maiglöckchenfelder bis zum höchsten Punkt. Auf der anderen Seite wieder runter.

Die Landstraße und eine Bahnlinie. Wir warten kurz am Straßenrand bis alle da sind und gänsemarschieren dann nach Westen in Richtung Heyerode. Kurz vor der Ortschaft Depot an einer verfallenen Scheune, gegenüber ein Ausflugslokal. Leider geschlossen.

Ein eisiger Gewitterguß geht nieder. Wir frieren in der Ruine, suchen uns Steinbrocken und ein Brett, um einigermaßen vernünftig sitzen zu können. In meiner Thermosflasche ist noch etwas heiße Gemüsebrühe, die ich unseren frierenden Damen anbieten kann. Dann verkrieche ich mich in meinen Anorak, versuche ein lauwarmes Luftpolster aufzubauen und döse frierend.

Die Sonne kommt wieder durch. Es geht eine steile Straße hinunter, links und rechts schmucke Häuser. Heyerode ist ein erstaunlich sorgfältig renovierter Ort. Mitten in der ehemaligen DDR waren wir bisher anderes gewohnt.

Am Ortsende fängt es wieder zu regnen an. In einer kleinen Gastwirtschaft, direkt links an der Straße, machen wir Rast. Ich trinke einen Kaffee und schlafe für ein paar Minuten ein. Es ist eng und warm und draußen ist es grau und nieselt.

Schließlich auf der Straße weiter nach Mihla. Die Sonne kommt wieder raus. Wir kürzen über eine Flußaue ab.

In Mihla Pause oben an der Kirche. Einige wollen von hier aus versuchen, mit Bus oder per Autostop nach Eisenach zu kommen. Auf dem Platz vor der Kirche fast italienische Athmosphäre.

Wir queren über ein Feld, Wolkenfetzen, frische Abendstimmung. Schlängelweg an einer Hangkante entlang. Eine Rinderherde versperrt uns den Weg. Mit steifem Rücken zwängen wir uns durch.

“Durchgang verboten” bei einer Müllkippe. Wir gehen aber trotzdem am Rand entlang.

Es sieht so aus, als habe man einen Damm aus Müll aufgeschüttet, der das Tal absperrt. Weiter oben ein sumpfiges Wasser mit weißen, toten Baumriesen, scharf gegen den lichtblauen Abendhimmel. Dann einen steilen Grashang hinauf. Ich bin froh, daß wir den Müll hinter uns haben; über Umweltsünden in der alten DDR habe ich ja Schauergeschichten gehört.

Über Utteroda weiter. Von der Höhe aus weiter Blick bis zur Wartburg hinten im blaugrauen Abenddunst. Dazwischen aber noch einige Hügel und Täler, die wir zu bewältigen haben.

Zunächst geht’s zügig den Berg runter, unten von Hecke und Bach begleitet.

Vor Madelungen biegen wir links ab, die Straße den Hügel hinauf.

Ich habe gräßlichen Durst; ganz schlecht ist mir, will es aber nicht zeigen. Margit schenkt mir einen Schluck von ihrem auch nicht mehr reichlich vorhandenen Saft. Leider ist er zu dick und löscht den Durst nicht. Ich schleppe mich weiter, habe das Gefühl, daß sich meine Zellen immer mehr zusammenziehen; ich fühle mich elend und schwach; heimlich zähle ich meinen Puls. Wenn ich nicht bald was zu trinken bekomme, dreh’ ich durch.

Stregda – Ortschaft – Gasthaus!

Schon von ferne sehe ich ein Bierschild. Ein Kamel ist nichts gegen mich. Ich lege einen Zahn zu. Vordereingang verschlossen – Hintereingang ebenfalls.

Scheißkaff.

Kurz vor der Autobahnunterführung dann doch noch eine Pinte. Ein junger Wirt, einige Gäste. Er freut sich, daß die ganze Gruppe reinkommt. Wir erklären ihm, was eine Apfelsaftschorle ist. Sie ist frisch und kühl und naß. Meine Zellen füllen sich spürbar, ich fühle mich wie so ein Faschingsscherzwurm, den man als Pille in ein Glas Wein fallen lässt, und der sich dann zur vollen Größe vollsaugt.

Frisch hinein nach Eisenach. Wo ist die Jugendherberge? Wir fragen: durch die Stadt hindurch, am Fuß der Wartburg. Nichts wie hin. Es wird dunkel. 21.50, als wir an der JUHE ankommen. “Wir sind die Wandergruppe von Herrn Michl.” “Michl? bei uns nicht.”

Verdammt nochmal! So eine blöde Organisation! Wir sind müüüde!

Die Herbergsmutter ist sehr nett. Es gibt noch eine zweite Jugendherberge in Eisenach. Sie ruft an. Dort ist es richtig. Der Herbergsvater will auf uns warten, wir sollen uns aber beeilen. Also wieder zurück in die Nacht. Auf dem Rückweg im Dunkeln kommen uns Christoph und der Rest der Gruppe entgegen. Wir klären sie auf und sind eine halbe Stunde später zusammen in unserem Quartier. Duschen, Fußpflege, Bett machen, Gemüsebrühe.

Ich fühle mich müde, aber sauwohl.

Morgen hat Beni Geburstag. Er will mit seiner Mama Essen gehen. Der freundliche Herbergsvater (für einen Vater ist er eigentlich noch zu jung, sieht aus wie ein Zivi) lässt mich noch telefonieren; möglicherweise bekomme ich ja morgen tagsüber keine Verbindung.

Eine neue Mitwanderin ist angekommen. Schon etwas älter. Christoph staucht sie lautstark zusammen: Sie möge ihn in Ruhe lassen, nicht immer hinter ihm und Anna herspionieren; Sie schluchzt jämmerlich. Am nächsten Tag ist sie weg.

Ich dachte immer, jeder, der will, kann bei Christoph mitmachen.

Ich trinke zu viel Brühe und muß nachts mehrmals raus. Sehr mühsam, weil die Toilette ganz unten ist und wir ganz oben schlafen. Die Füße tun weh, der Kloß unter meinem linken Fuß drückt und die Achillessehne stöhnt.

Gudrun meinte, nach etwa 1 1/2 Wochen würden die Schmerzen in den Beinen aufhören.

Ihr Wort in Gottes Ohr.

498 km

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