9 Einsiedeln – Ingenbohl

 

Freitag, 9. April 2004, 24 km

Wetter: Sehr kalt, neblig

Der Aufstieg zur Haggenegg geht über 400 Höhenmeter und ich hoffe, die Sicht ist gut und nicht zu viel Schnee. Der Nebel hängt aber tief im Tal. Ich suche die Sonne, die ihn auflösen soll. Ruhiger Weg durch die schlafende Karfreitagslandschaft.

Dann der Einstieg in den Hang von Alpthal aus; man sieht schon, wie der Weg sich im Nebel verliert. Selten blinzelt die Sonne durch. Eine Spur im tiefen Schnee, von einem, der den Weg herunter kam. Ich gehe auf ganz niedrige Schrittfrequenz, sacke zunächst nur bis zu den Knöcheln ein. Es geht sausteil aufwärts. Der Schweiß trieft. Ich ziehe meine Brille aus, damit die Schweißlachen auf den Gläsern mir nicht dauernd die Sicht versperren. Dann wirds knietief. Jeden Schritt wieder aus dem nassen Schnee hochziehn. Im Wald ist der Weg glücklicherweise gut erkennbar, trotz des Nebels.

Weiter oben begegnet mir ein alter Mann, lacht mich mit seinen drei verbliebenen Zähnen an: “Anstrengend, Ha?” Kann man sagen! Er erzählt, dass weiter oben ein Traktor gefahren sei, ob die Spur aber bis Haggenegg ginge, wisse er nicht. Dass ich das bei dem kernigen Schwyzerdütsch überhaupt verstanden habe, grenzt an ein Wunder.

Die Treckerspur führt weiter hinauf, recht gut zu gehen, vor allem dort, wo die Treckerunterseite zwischen den Reifen den Schnee festgebacken hat. Dann nur noch weiß, eine Skispur. Ich folge ihr, sinke hüfttief in den Schnee und habe trotzdem immer das Gefühl, dass ich es schaffen werde. Sie biegt dann nach oben ab, das muß falsch sein. Weiter westlich durch eine kurze weiße Wüste, Telegrafenstangen folgend, dann Hausdächer, überraschend Asphaltstraße, ein Wegweiser: Gasthaus Haggenegg 3 Min. Ich heule vor Erleichterung.

Nach einer Kurve die Wirtshäuser der Haggenegg, ein grandioser Blick 1000 m tief hinunter ins Tal nach Schwyz im Nebeldunst, das Ufer des Vierwaldstättersees und darüber im aufreißenden Nebel weißzackige Felsgiganten. Die Gipfel des Mythen im Wolkengebrüll. Der Wegweiser des Jakobswegs zeigt in einen weißen, unberührten Steilhang. Da geh’ ich doch lieber die Straße.

Dort treffe ich auf die ersten Mitpilger, 2 Männer aus Augsburg (bis Le Puy blieben das dann allerdings auch die Einzigen). Herrlicher, erleichterter Weg hinunter nach Schwyz. Im Restaurant am Hauptplatz grünen Spargel mit Parmesan. Hmmm. An der Rathausfassade lässt sich ein Fresco bewundern, wie die Schwyzer des ausgehenden Mittelalters ihre bösen katholischen Nachbarn aus Einsiedeln in einem Hinterhalt mit Felsbrocken in den Vierwaldstättersee stießen, woselbst diese elendiglich ersoffen. Friedliche Schweiz.

Im Kloster Ingenbohl ganz herzlicher Empfang. Aus meinem Zimmerfenster Blick zurück zum umwölkten Mythen mit der Haggenegg links davon. Schwester Bernadette erlaubt mir am Abend, auf ihrem Bürocomputer, dieses Tagebuch zu ergänzen. Falls sie mal hier reinschaut: “HERZLICHEN DANK, SCHWESTER BERNADETTE”.

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