9. Tag Nordhausen – Mühlhausen

Nordhausen-Mühlhausen 55 km
O-5700 Mühlhausen
Hotel Stadt Mühlhausen
Wilhelm-Pieck-Platz
5512

Christoph hat Geburtstag. Es gibt Holundersekt. Irgendwelche Briefe müssen noch in Kuverts gesteckt werden. Dabei wollten wir um 6 Uhr starten!

Um 7 Uhr 30 geht’s dann endlich los. Der Wetterbericht hat Dauerregen angesagt. Zum Start ist das Wetter jedoch recht ordentlich. Über der Stadt eine Braunkohlendunstglocke. Man kommt kaum zum Atmen.

An einer Fabrikanlage ist die Straße zu Ende. Da kommen wir nicht durch. Also zurück, und einen anderen Weg genommen.

Schließlich erreichen wir das Ortsende.

An einer Linkskurve hat ein Lebensmittelladen geöffnet. Wir stürzen hinein und decken uns ein. Gerhard hat eine Flasche Sinalco gekauft. Er schraubt den Deckel ab, kippt die Flasche um und lässt die ganze schöne Limonade herausgluckern; er will nur eine leichte, stabile Plastikflasche für seinen Tee. Meinen Kindern hätte das Herz geblutet.

Lebensmittelläden haben immer eine große Anziehungskraft auf uns ausgeübt, auch wenn wir dann nur ungesüßten Saft, zuckerlosen Kaugummi oder Pfefferminzpastillen eingekauft haben. Bei der Fasterei scheint der Wunsch, einzukaufen, doch ziemlich stark zu sein.

Über ein weites Feld, dann entlang einer hoch auf einem Damm liegenden Bahnstrecke; durch eine Bahnunterführung. Einen nassen Wiesenhang hinauf, ein flaches Tal nach rechts, durch den Wald. Auf einer breiten Lichtung in einer weiten Schneise auf großen Baumstämmen erste Saftrast.

Am Waldrand entlang, etwas ansteigend. Ein stark verwachsener Weg.

Rechts, zurückliegend, weite, geeggte, braune Felder.

Blick über das Tal der Wipper nach Süden. Das Wetter ist sonnig.

Weit vorne, auf einem Bergrücken, Klein-Cluny: Münchenlohra.

Anna rennt mit mit wehenden Röcken vor: Sie will vom Pfarrer den Schlüssel zur Kirche holen. Leider hat sie kein Glück; das Pfarrhaus liegt nicht auf unserer Strecke, die Kirche ist außerdem immer verschlossen. Schade, wir wären gerne reingegangen.

Hildegard erzählt, daß Christoph in solchen Fällen immer Glück hat; außerdem habe er heute Geburtstag; man werde ja sehen.

Langer, flacher Anstieg; eine Kindergartengruppe kommt uns entgegen. Die kleinen Mädchen haben Kränze aus Gänseblümchen im Haar. Dahinter die mächtige Kathedrale, nun schon recht nah.

Wir machen Pause; einige liegen im Gras, schlafen. Es bezieht sich langsam. Gudrun steht wie ein Storch und dehnt ihre Oberschenkel. Manfred (C) dehnt sich ebenfalls. Als wir vor der Kirche ankommen, steht das Portal sperrangelweit offen. Der Innenraum wird gerade renoviert und ein Handwerker ist gerade zufällig vorbeigekommen. Auch in dem unfertigen Zustand der Baustelle ist der Innenraum beeindruckend. Christoph, das Glückskind.

Er nimmt’s gelassen.

Steil hinauf durch Kleinwenden. Am Ortsausgang in den Buchenwald ein scharf ansteigender Weg. Jeder geht sein Tempo. Ich komme gut in’s Schwitzen, fühle mich bei der Anstrengung sauwohl. Oben warten wir aufeinander. Dann über sanft abfallende Hügel, ein gedorrter Wiesenhang, teilweise Betonplattenweg, zum Depot nach Kleinberndten. In der Ortsmitte die Kirche, turmlos. Vor dem Kirchenportal die Wassereimer.

Die steil abfallende Straße lädt nicht gerade zum Rasten ein. Trotzdem machen wir es uns an den begleitenden Mauern bequem. Nur nicht in die Brennesseln setzen!

Frank hatte die letzten Tage Probleme mit seinen Schuhen. Sein Fuß ist geschwollen. Jetzt will er nicht mehr. So hat er sich seinen Jahresurlaub nicht vorgestellt. Er hat genug. Christoph versucht noch, ihn umzustimmen, aber er besteht darauf, nach Hause zu fahren. Seine Enttäuschung liegt mir wie ein Kloß im Bauch. Er war so optimistisch gewesen.

In Urbach gehen wir geradewegs auf ein frisch renoviertes Gasthaus zu, als es beginnt, in Strömen zu regnen. Also, nichts wie rein. Es gibt, mangels Apfelsaft, Orangensaftschorle. Draußen gießt es. Wir müssen weiter, trotz Regens.

Anfangs lange Landstraße, nasser Asphalt, wir verkriechen uns in unsere Regensachen. Nach einer Industrieanlage (Schacht Pöthen) einen schlammigen Schrägweg rechts runter, bei dem man höllisch aufpassen muß, um nicht auf dem schmierigen Lehm auszurutschen. Gertrud eiert neben mir den Weg runter. Wir versuchen, uns auf einigermaßen gangbare Stellen aufmerksam zu machen.

Der Lehm klebt in dicken Brocken an den Stiefeln. Es ist schon eine rechte Schweinerei und arg mühsam.

Unten, wieder auf der Landstraße lässt Carola ihrer Wut freien Lauf und heißt unseren Wanderführer einen Vollidioten.

Wir beschließen, nicht – wie vorgesehen – über die Feldwege zu gehen, sondern mit Rücksicht auf den schweren Lehm einen kleinen Umweg über die Landstraße zu machen.

Dauerregen und Kälte. Und die Füße! Harten Asphalt sind sie nicht gewohnt. Gelegentlich sreichle ich mich mit einer Pfefferminzpastille. Man muß sich ja auch mal was Gutes tun!

In Windeberg rücken wir in einem Haltestellenhäuschen dicht aneinander, der Wärme wegen. Dann teilen wir uns in drei Gruppen auf: Christoph geht mit einer, trotz des schweren Lehms, über die Feldwege; eine fährt mit dem Bus nach Mühlhausen und ich führe eine Gruppe die Landstraße entlang.

Schlecht verlegtes, neues, bruchrauhes Granitkopfsteinpflaster. Die Füße wissen nicht mehr, wo sie hintreten sollen, ohne daß es weh tut.

Und Dauerregen; das Wasser läuft von oben in meine Anoraktaschen. Die Papiertaschentücher quellen zu weichem Matsch.

Einen Berg hinunter können wir die Haarnadelkurven durchs Gelände abkürzen. Die reinste Erholung. Mühlhausen kann nicht mehr weit sein.

Endlose Vorstadt, Gehwegplatten aufgeworfen.

Hildegard und Gudrun stürmen voran. Die Stadt will nicht aufhören. Das Hotel in der Stadtmitte. Endlich.

Die Koffer sind noch im Bus. Etwas mühsam, den eigenen unter all’ den Kisten und Schlafsäcken herauszufischen.

Ein langer, verwinkelter Weg im Hotel bis zu den Zimmern. Ich entledige mich meiner Schuhe, sitze nur auf der Bettkante und stiere vor mich hin.

Duschen in einem Etagenbad, das nicht absperrbar ist. Margits draußen stehende Schuhe signalisieren: Besetzt.

Gemüsebrühe in feiner Umgebung. Wir werden ins hintere Eck verlagert, um die anderen Gäste nicht zu stören. Am nächsten Morgen – die Herrschaften sitzen bei Frühstücksei, Kaffee und frischen Brötchen – kommt Hans, unser Ältester (noch 74) , und schwadroniert lautstark über seine blutenden Füße, bei denen das rohe Fleisch rausgucke – sehr appetitlich. Da gucken die feinen Herrschaften angestrengt in ihre halb ausgelöffelten Eier und in ihren dampfenden Kaffee.

Hans will nach Hause. Eine tolle Leistung, fast 500 km, in dem Alter!

446 km

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