7. Tag Dorstadt – Braunlage

Dorstadt-Braunlage 63 km
3389 Braunlage
Jugendherberge
Von-Langen-Straße
05520/2238

Start um 6 Uhr 15.

An der Ocker entlang nach Hornburg. Es ist saukalt. Trotz des gestrigen Tags und der kurzen Nacht geht’s aber eigentlich ganz ordentlich.

In Hornburg Einkaufen. Die meisten sitzen am Marktplatz um einen Baum herum und versuchen, sich gegenseitig zu wärmen.

Wir starten aus Hornburg in der falschen Richtung. Das hebt die Stimmung in ebendieselbe. Aber wir sind heute ja alle müde und gereizt.

Der Wind bleibt giftig und eiskalt. Als blaugrauer Buckel liegt der Harz ganz weit weg im Dunst am Horizont. Der Brocken verschwindet immer mehr in Regenwolken. Das kann ja heiter werden.

Kurz hinter Hornburg gehts wieder über die DDR-Grenze. Hier ist sie besonders hässlich: ein ca. 4m hoher, rostiger, sperriger Drahtzaun – wo kommen wir denn da durch?

Wir gehen nach links, etwas hangabwärts am Zaun entlang, bis wir ein Loch finden. Ein schnurgerader, lieblos gepflasterter Weg – wohl eine Zufahrt für die Grenzer – führt hinein nach Rimbeck. Der Ort ist vollkommen vergammelt. Die stützenden Eckpfosten einst stattlicher Fachwerkhöfe bröseln, die Kirche verfällt, kaputtes Dach.

Wir machen eine erschöpfte Pause am Hochufer der Stimmeke, dem Dorfbach. Eine magere,süße Katze streunt um uns herum; will schmusen. Margit tut ihr den Gefallen. Keine Menschenseele. Eiskalt. Ich versuche, die Pause zum Schlafen zu nutzen. Es gelingt nicht so recht.

Wir brechen wieder auf, steif und stacksig.

Am Ufer des Baches entlang – eine alte Frau in ihrem Garten winkt uns zu – weiter, an Suderode vorbei wieder über die Grenze, für 3 km zurück in die Bundesrepublik.

Heute ist es furchtbar mühsam. Ich verfluche den Entschluß, bei diesem Quatsch mitzumachen. Der eisige Wind macht mich zittrig, beißende Regenspritzer.

Und noch den ganzen Harz vor uns!

Mittagspause in Eiseskälte auf einem staubigen Dorfplatz in Abbenrode. Einige melden sich ab. Sie fahren mit dem Taxi über Bad Harzburg.

Mir geht’s zwar schlecht, aber aufgeben will ich nicht.

Werner bemerkt meinen Zustand und gibt mir einen Schluck von seinem roten Fruchtsaft. Schmeckt unverschämt gut! Dieser Engel! Ein Lichtblick!

Ich nehme mir vor, bei der nächsten Gelegenheit auch so einen Saft zu besorgen, um für ähnliche Fälle gerüstet zu sein

Damit wir nicht anfrieren, starten wir wieder.

Christoph sucht eine Brücke über die Ecker. Die Bauern erklären den Weg. Ist es Bosheit (Ossis-Wessis?) oder haben wir nur wieder den falschen Abzweig erwischt? Eine halbe Stunde später sind wir jedenfalls wieder auf dem richtigen Weg.

In Stapelburg sitzen wir alle erledigt am Einstieg in den Harz. An einer großen Tafel mit Übersichtskarte stellen wir fest, daß wir noch ca.25 km mit 700m Aufstieg und anschließenden 300m Abstieg vor uns haben. Es ist 15 Uhr. Christoph:”Das ist ja nicht zu schaffen.”

Lieber Gott, hilf uns!

Plötzlich fühle ich mich stark und optimistisch.

Wir gehen los. Zaghaft kommt die Sonne raus. Nach dem eisigen Tag eine Labsal. Der Weg ist herrlich, leicht ansteigend, durch lichten Wald, immer wieder freie Stücke mit labender Sonne, links neben uns gurgelt die Ecker.

Mein linker Fuß tut weh, ein richtiger Kloß, mitten unter der Fußsohle. Ich muß versuchen, ihn zu entlasten.

Weiter oben verliert sich der Weg in einen Trampelpfad über Wurzeln und Felsen. Sehr romantisch, für unsere Flachländer aber mühsam.

Endlich sind wir am Sattel des Brocken, nachdem wir uns etwas unterhalb irrtümlich schon am Ziel wähnten und ich beinahe einen falschen Weg vorgeschlagen hätte. Christoph hat’s dann souverän korrigiert.

Zunächst entlang der alten Grenzbefestigung auf Betonplatten steil abwärts. Christoph zweigt nach links vom markierten Weg ab und führt uns über herrliches, weiches Sumpfgelände. Für solche Abweichungen vom markierten Weg hat er oft ein sehr gutes Gespür.

Am Ende aber doch noch lange Asphaltstraße, immer den Berg runter, nach Braunlage. Die Beine stoßen in den Unterkörper, es kostet Mühe, sich nicht jedesmal mit Wucht in den Schritt fallen zu lassen. Zu allem Überfluß versperrt eine Großbaustelle den direkten Weg. Einige (Gudrun, Gertrud und ich) genehmigen sich in einem Restaurant noch eine Apfelsaftschorle. Wir kommen uns in der schnieken Umgebung ziemlich fehl am Platz vor, verschwitzt und durchfeuchtet wie wir sind.

Gudruns Radelfreundin (die von Wolfsburg) ist aber zufällig auch da! Draußen zieht unsere Kolonne vorbei. Ganz zum Schluß, alleine, der Hans.

Wir starten. Nach dem Sitzen tun die Beine gemein weh. Bis die Gelenke sich wieder einigermaßen geschmiert anfühlen, stakseln wir mehr, als daß wir flott gingen. Aber wir sind ja bald da.

Denkste!

Braunlage zieht sich; und die Jugendherberge liegt ganz am westlichen Ortsende wieder etwa 80 Höhenmeter hinauf. Kurz vor der JuHe holen wir den Hans ein. Gemeinsam gehen wir die letzten paar hunder Meter.

Eine Jugendherberge voller Trubel, ganze Schulklassen.

Horst richtet mir aus, daß Margret angerufen hat. Ich freue mich, nachher ihre Stimme zu hören.

Nach Unmengen Brühe Fußpflege. Christoph, Anna und Carmen unterhalten sich über eine geplante Fastentour in den USA.

Die Angstetappe haben wir hinter uns. Schwerer kann es eigentlich nicht mehr werden. Schlafe hervorragend.

356 km

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